Ralf Minge spricht über Mielke, BFC, Schnee in Aue und darüber, was Union so stark macht

Zur Übergabe des Meister-Titels 2017/18 an die SG Dynamo Dresden sprach ddr-oberliga.de mit Geschäftsführer Sport, Ralf Minge. Dabei plauderte er über die Rivalität mit dem BFC, Union als größten aktuellen Konkurrenten, seine Verbindungen nach Aue und ob er auch Matthias Sammer für die Hall of Fame nominiert hätte.

Dynamo-Geschäftsführer Ralf Minge mit Meister-Tafel. Foto: ddr-oberliga.de

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Herr Minge, nach den acht Meistertiteln bis 1990 kommt nun der vierte Titel auf www.ddr-oberliga.de hinzu. Seit geraumer Zeit ist damit nicht mehr der BFC Dynamo Rekordmeister im Osten, sondern Dynamo Dresden …
Minge: (lacht) Das ist das alles Entscheidende, dass wir den BFC hinter uns gelassen haben. Die Meister-Tafel werde ich erst mal in meinem Büro zwischenlagern und das ist dann auch eine schöne Geschichte für unser zukünftiges Fußball-Museum.

Dynamo ist mit diesem Titel wieder die Nummer 1 im Osten. Was spielt das für eine Rolle für den Verein?
(Minge schmunzelt.) Das ist sicherlich jetzt das Sahnehäubchen. Man darf ja nicht verkennen, dass wir in Sachen Zuschauerzuspruch, Mitgliederzahl und der Strahlkraft insgesamt schon ein paar Argumente haben, die diesen Titel auch rechtfertigen.

Herr Minge, Sie haben selbst 222 Oberliga-Spiele bestritten. Gegen wen haben Sie am liebsten gespielt?
Gegen die, die wir ja nun hinter uns gelassen haben: den BFC Dynamo. Weil da auch politische Brisanz drin war, aber auch extrem hohe Emotionalität und es einen riesigen Zuspruch gab. Wir hatten ja auch 1982, ´84, ´85 die Endspiele im FDGB-Pokal, wo Erich Mielke (damals Stasi-Chef, Anm. d. Red.) gehofft hatte, dass der BFC mal das Double abräumt. Den Traum konnten wir ihm immer wieder verderben. Das waren immer die Highlights.

Die meisten Fans haben den BFC gehasst. Wie sind Sie mit den Spielern untereinander umgegangen?
Nationalmannschaft oder Olympiaauswahl waren das eine. Da hat man natürlich auch mal ein Bierchen miteinander getrunken, etwa mit dem Frank „Wuschi“ Rohde, mit Rainer Ernst oder Andy Thom. Aber sobald der lange Pfiff, also der Anpfiff zu spielen gegeneinander ertönte, dann war Krieg angesagt.

Würden Sie sich freuen, wenn es mal wieder so ein Dynamo-Duell geben würde, wenn der BFC so hochklassig spielen würde, wie Dynamo Dresden? René Rydlewicz macht in Berlin schließlich eine ansprechende Arbeit …
Ja, das macht er. Warum nicht? Das hat schon einen gewissen Charme. Das erleben wir ja immer wieder gegen Ex-DDR-Oberligisten, ob es früher Hansa Rostock war oder jetzt gegen Aue, Magdeburg oder Union Berlin, diese Spiele haben schon einen speziellen Charakter. Das muss man ganz klar sagen. Der BFC wäre da noch mal eine andere Dimension, die sich ganz einfach aus der Historie so ergibt, weil es eben diese politische Brisanz gab. Wenn es irgendwann mal dazu kommt, werden wir auch dieses Thema angehen.

Wo sind Sie als Spieler überhaupt nicht gerne hingefahren?
Puh, da muss ich überlegen. Diese Stahl Eisenhüttenstadts oder Vorwärts Frankfurt, die waren schon unangenehm zu spielen. Auch Stahl Brandenburg mal eine Zeit lang, dann Stahl Riesa eine Zeit lang. Das waren gallische Dörfer, wie man heute sagt. Das war dort urwüchsig mit ein bisschen weniger Spielkultur. Die Stadien waren nicht so gefüllt, alles war ein bisschen weitläufig.

In dieser Saison gibt es noch drei Konkurrenten auf den Titel auf ddr-oberliga.de, Magdeburg, Aue und Union. Wen schätzen Sie am stärksten ein und warum?
Das ist Union Berlin, weil die A: eine sehr gute Mannschaft haben, das muss man fairerweise sagen, und B ist das seit Jahren sehr stabil. Der ist gewachsen der Verein, hat viele Jahre Zweitligazugehörigkeit. Das ist das, was wir eigentlich noch vor uns haben. Da sind sie den anderen Vereinen noch einen Tick voraus.

Noch was ganz Aktuelles: Mit Matthias Sammer ist ein Ex-Dresdner von den 26 beteiligten Sportjournalisten in die Gründungself der Hall of Fame des Deutschen Fußball-Museums gewählt worden. Hätten Sie ihn auch nominiert?
Ja, definitiv. Er hat letztendlich Geschichte geschrieben für den deutschen Fußball. Er war Kapitän der Mannschaft, die 1996 Europameister wurde. Wir können als Verein nur stolz sein, dass wir solche Spieler hervorgebracht haben. Er ist aber auch nur einer von vielen, die nach der Wende ihre Spuren im deutschen Fußball hinterlassen haben, ob das Matthias Sammer ist oder Ulf Kirsten, Alexander Zickler, Jens Jeremies oder weitere. Da können wir auf jeden stolz sein. Aber in so einer ewigen Elf mit Fritz Walter oder Sepp Maier zu stehen, das ist schon eine tolle Geschichte.

Zu Ihrer Vita gehört auch, dass Sie mal Trainer in Aue waren. Gibt es da noch Verbindungen?
Ähh, da kann ich mich jetzt nicht erinnern. (Minge zwinkert zweimal und stoppt kurz.) Ach ja, das war 1995/96. Da gab es diese Rivalität von heute auch noch nicht. So was gab es früher überhaupt nicht. Zu Ost-Zeiten sind wir da hingefahren und wenn nicht gerade ein halber Meter Schnee lag, haben wir zwei, drei Tore geschossen oder auch vier, haben die Punkte mitgenommen und sind wieder nach Hause gefahren. Das hört sich jetzt ein bisschen spaßig an, aber das war auch nicht so einfach, dort zu spielen. Aber wir hatten eigentlich immer ein sehr kollegiales Verhältnis zu den Spielern dort. Seit meiner Zeit dort habe ich auch sehr gute Freunde im Erzgebirge. Ob das jetzt Aues Präsident, Helge Leonhard, ist, mit dem wir auch familiär verbandelt sind oder auch Günter Boroczinski, der damalige Vizepräsident. Da gibt es auch noch einige andere. Das ist auch ein Indiz dafür, dass wir trotz der sportlichen Rivalität auch eine menschliche Komponente entwickelt haben, die bis heute andauert.

Der aktuelle Titel ist sicher schön. Aber was hat Dynamo Dresden noch für Ziele? Wann kann der Fan im Rudolf-Harbig-Stadion wieder Europapokalspiele sehen?
Das ist ein Traum, den sich der Verein – und der Verein ist groß mit seinen vielen Fans – auf die Fahne geschrieben hat. Aber wir wissen, dass Abkürzungen im Leben nicht immer die beste Idee sind. Jetzt haben wir eine Phase, in der wir uns wirtschaftlich und sportlich konsolidiert haben. Jetzt geht es um das Stabilisieren. Parallel dazu werden wir aber auch Bedingungen und Voraussetzungen schaffen, die notwendig sind, um diesen Traum mal ins Auge zu fassen. Da sind aber noch eine Menge Zwischenschritte erforderlich.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg dabei.

Ralf Minge r.) und Gunnar Klehm bei der Meister-Ehrung 2018. Foto: ip

Hier gibt es das Video zum Interview: Minute 5 ist spektakulär

Gekreuzte Hämmer? Was ist denn das? Ralf Minge schockt den Moderator. Foto: ip

Beitrag von 29. November 2018